Das Wichtigste in Kürze
- Die Ausgangslage: Bitcoin steht bei rund 78’000 Dollar, 38 Prozent unter dem Allzeithoch vom 6. Oktober 2025. Im August legte der Kurs rund 24 Prozent zu, der stärkste Monat des Jahres.
- Zwei Lager, ein Widerspruch: Der US-Broker River hält den Bitcoin Bärenmarkt seit dem 30. Juni für beendet. Galaxy Research erwartet den Boden erst im vierten Quartal, bei 40’000 bis 46’000 Dollar. Beide nutzen dieselben Daten.
- Das Muster: Die drei bisherigen Zyklus-Bärenmärkte dauerten 410, 363 und 376 Tage, im Schnitt 382. Die Rückgänge lagen bei 85, 84 und 77 Prozent. Der aktuelle läuft seit 329 Tagen und lag im Tief bei 54 Prozent.
- Der Haken: Zeitlich passt es. Die Tiefe passt überhaupt nicht. Ein Rückgang von rund der Hälfte war bei Bitcoin historisch nie ein verlässliches Bärenmarkt-Signal. Im Mai 2021 fiel der Kurs ähnlich stark, und ein halbes Jahr später stand ein neues Allzeithoch.
- Das methodische Problem: Ob ein Absturz als Bärenmarkt oder als Zwischenkorrektur zählt, entscheidet sich erst rückblickend. Die Statistik kann deshalb prinzipiell nicht sagen, wo wir heute stehen.
- Was belastbar bleibt: Der Abstand vom Halving zum Zyklushoch. Mit 17,5 Monaten passt der Oktober 2025 exakt ins historische Muster von 12 bis 18 Monaten.
- Für Anleger: Zwischen den beiden Prognosen liegen fünf Monate. Für einen Zehn-Jahres-Horizont ist das ein Rundungsfehler. Für den, der auf den perfekten Einstieg wartet, eine Ewigkeit.
Lesezeit ab hier: 6 Minuten.
Am 20. August veröffentlichte River, ein auf Bitcoin spezialisierter US-Finanzdienstleister mit Sitz in Columbus, Ohio, einen Text mit dem Titel «Is bitcoin’s bear market over?». Ihre Antwort: vermutlich ja, seit dem 30. Juni.
Anfang August hatte Galaxy Research, das ist die Analyseabteilung des börsenkotierten Krypto-Finanzhauses Galaxy Digital, das Gegenteil geschrieben. Der Boden komme erst im vierten Quartal, bei 40’000 bis 46’000 Dollar.
Beide arbeiten mit denselben historischen Daten. Beide kommen zum entgegengesetzten Schluss. Wer wissen will, warum Bitcoin-Prognosen so wenig taugen, findet die Antwort in diesem Streit. Und lernt dabei mehr über Bitcoin als aus jeder Kursprognose.
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Mehr erfahrenMarketinginformation: Dies ist weder ein Angebot noch eine Aufforderung zum Kauf oder zur Zeichnung von Finanzinstrumenten und keine Anlageberatung.
Wie lange dauert ein Bitcoin Bärenmarkt?
Bitcoin bewegt sich in einem auffällig regelmässigen Takt, dem sogenannten Vier-Jahres-Zyklus. Er hängt am Halving, also an der Halbierung der neu ausgegebenen Bitcoin alle vier Jahre. Grob gesagt: rund drei Jahre aufwärts, rund ein Jahr abwärts.
Wenn im Folgenden von drei Bärenmärkten die Rede ist, sind genau diese gemeint. Also die Abwärtsphasen, die jeweils auf ein Zyklushoch folgten. Nicht jeder Kursrutsch der Bitcoin-Geschichte. Auf diese Unterscheidung kommen wir gleich zurück, denn sie ist der Kern der ganzen Debatte.
Diese drei Zyklus-Bärenmärkte dauerten jeweils ungefähr ein Jahr:
- 410 Tage von November 2013 bis Januar 2015
- 363 Tage nach dem Dezember-2017-Hoch
- 376 Tage von November 2021 bis November 2022.
Im Durchschnitt also rund 382 Tage. Die Rückgänge waren jedes Mal brutal. Rund 85, dann 84, dann 77 Prozent. Im Schnitt 82.
Der aktuelle Zyklus: Hoch am 6. Oktober 2025 bei rund 126’200 Dollar. Heute sind wir bei Tag 329. Das Tief lag am 30. Juni bei rund 58’000 Dollar, also 54 Prozent unter dem Hoch. Aktuell steht Bitcoin bei rund 78’000, das sind 38 Prozent unter dem Hoch.
Zeitlich sind wir mitten drin. Von der Tiefe her nirgends.
Ist der Bitcoin Bärenmarkt vorbei? Das Argument der Optimisten
Rivers Hauptargument ist kein Chartmuster, sondern eine Beobachtung über Angebot und Nachfrage. Sie nennen es Verkäufer-Erschöpfung.
Zwischen Mai und Juli verkauften die Bitcoin-ETFs über 90’000 Bitcoin. Langzeit-Halter gaben in 24 Monaten mehr als 2 Millionen Bitcoin ab. Im vergangenen Monat liess dieser Druck nach. Rivers Schluss: Wer im Bärenmarkt verkaufen wollte, hat es getan. In so einem Markt genügt wenig Kaufdruck für grosse Ausschläge.
Das erklärt die Heftigkeit der August-Bewegung. Es sagt nichts darüber, ob sie hält. Wer erschöpft ist, kann sich erholen und wieder verkaufen.
Genau das ist im August passiert. Am 19. August 2026 kündigte das US-Finanzministerium an, seine Rückkäufe langlaufender Staatsanleihen auf mindestens 4 Milliarden Dollar pro Monat zu verdoppeln.
River nennt das beim Namen: eine subtile Form von Zinskurvenkontrolle, bei der der Staat die Zinsen auf seine eigenen Schulden festlegt, indem er Geld druckt. Unmittelbar danach stiegen harte Vermögenswerte, Gold wie Bitcoin.
Dann ging es schnell. Über 1,2 Milliarden Dollar an Wetten gegen Bitcoin wurden in 60 Minuten zwangsaufgelöst. Am Monatsende stand ein Plus von rund 24 Prozent.
Dazu Rivers strukturelle Argumente: Bitcoins Schwankungsbreite sinkt, weil der Markt grösser und institutioneller wird. Der Käuferkreis ist grösser als in allen früheren Zyklen. Und der fundamentale Rahmen ist eindeutig. Die US-Staatsschulden haben 40 Billionen Dollar überschritten, die Inflation liegt seit über fünf Jahren über dem Fed-Ziel, im Schnitt über 4 Prozent. Politik und Notenbank scheinen damit leben zu können.
Warum viele den Bitcoin-Boden erst im vierten Quartal erwarten
Wenn der Bärenmarkt am 30. Juni endete, dauerte er 267 Tage. Der bisher kürzeste dauerte 363. Dieser wäre also rund ein Viertel kürzer als der kürzeste jemals gemessene, bei 54 statt 82 Prozent Rückgang.
River behauptet damit nicht nur, dass dieser Bär flacher ausfiel. Sondern flacher und kürzer. Beide Achsen des Musters gleichzeitig gebrochen.
Galaxy rechnet anders. Sie nutzen den Realized Price (Hintergründe zu Realizes Price), also den Preis, zu dem der durchschnittliche Bitcoin zuletzt bewegt wurde. Der liegt bei 53’600 Dollar. Historisch hat Bitcoin auf oder knapp unter diesem Wert gedreht. Daraus leiten sie einen Boden von 40’000 bis 46’000 im vierten Quartal ab, im milden Fall 51’000 bis 54’000.
Und es gibt eine Parallele, die einem zu denken gibt. 2022 sah der August exakt so aus wie dieser. Sommertief im Juni, kräftige Erholung im August auf rund 25’000, zurückkehrende Zuversicht. Dann fiel Bitcoin bis November nochmals um 37.6 Prozent auf das eigentliche Tief bei rund 15’600 Dollar.
Eine August-Erholung hat schon einmal überhaupt nichts bewiesen.
Wie viele Bitcoin Bärenmärkte gab es wirklich?
Oben haben wir von drei Bärenmärkten geschrieben und dazugesagt, dass damit die Abwärtsphasen des Vier-Jahres-Zyklus gemeint sind. Jetzt wird klar, warum diese Einschränkung so wichtig ist.
Tatsächlich ist Bitcoin seit 2011 mindestens sechs Mal um mehr als die Hälfte gefallen, im schlimmsten Fall um 93 Prozent. Nur zählt man die meisten davon nicht mit. Der Grund: Ein Teil dieser Abstürze passierte mitten im Bullenmarkt.
| Absturz | Rückgang | Was danach kam |
|---|---|---|
| Frühling 2013 | über 70 % | Neues Hoch im November 2013 |
| März 2020, Corona | rund 74 % | Neues Hoch 2021 |
| Mai 2021, China-Mining-Verbot | rund die Hälfte | Neues Hoch im November 2021 |
Schau auf die letzte Zeile. Bitcoin fiel von rund 64’500 auf etwa 30’000 Dollar. Die halbe Branche erklärte den Zyklus für beendet. Ein halbes Jahr später stand ein neues Allzeithoch bei 68’789.
Und das aktuelle Tief vom 30. Juni? Ebenfalls rund die Hälfte. Ein Rückgang von 50 bis 55 Prozent beweist also gar nichts. Er passt auf eine Zwischenkorrektur genauso gut wie auf einen Bärenmarkt. Bei den echten Zyklus-Bären waren es 77 bis 93 Prozent, eine ganz andere Kategorie.
Bleibt die Frage: Woher weiss man, welches von beiden man gerade erlebt?
Bitcoin Suisse schreibt in ihrer Zyklus-Analyse offen, dass sie das Zwischenhoch vom April 2013 und den Corona-Crash vom März 2020 aus den Daten ausgeschlossen haben. NYDIG lässt den Zyklus von 2011 weg, weil Bitcoin damals zu jung und der Markt zu dünn war. Beides ist nachvollziehbar. Nur ist die Begründung zirkulär: Ein Absturz gilt als Zwischenkorrektur, wenn danach ein neues Hoch kam. Und als Bärenmarkt, wenn keins kam.
Man kann einen Rückgang also erst dann sauber einordnen, wenn man das Ergebnis kennt. Die Statistik „382 Tage, 82 Prozent“ beschreibt zuverlässig, was war. Sie kann prinzipiell nicht sagen, wo wir heute stehen. Denn ihre Einteilung braucht genau die Antwort, die wir suchen.
War das Oktober-Hoch 2025 überhaupt das Zyklushoch?
River und Galaxy streiten darüber, wann der Boden kommt. Beide setzen dabei etwas voraus, das niemand hinterfragt: dass das Oktober-Hoch von 2025 das Zyklushoch war. Muss es aber nicht gewesen sein.
Zweimal in Bitcoins Geschichte gab es innerhalb eines Zyklus zwei Hochs. Im April 2013 erreichte Bitcoin ein Hoch, stürzte über 70 Prozent ab und machte im November desselben Jahres ein neues. Im April 2021 stand Bitcoin bei 64’507 Dollar, halbierte sich und erreichte im November 68’789.
In beiden Fällen hielten viele das erste Hoch für das Ende des Zyklus. In beiden Fällen war es eine Zwischenstation. Falls das jetzt wieder so läuft, sind wir weder am Ende eines Bärenmarkts noch kurz davor. Sondern mitten in einer Zwischenkorrektur, und das eigentliche Zyklushoch liegt noch vor uns.
Für diese Lesart spricht die Tiefe. Rund die Hälfte passt exakt auf April 2021 und überhaupt nicht auf die 77 bis 93 Prozent der echten Zyklus-Bären.
Dagegen spricht die Zeit. Zwischen dem April- und dem November-Hoch 2013 lagen gut sieben Monate, zwischen den beiden Hochs 2021 ebenfalls rund sieben. Seit dem 6. Oktober 2025 sind fast elf Monate vergangen, ohne neues Hoch. Diese Doppelhoch-Muster waren beide deutlich schneller.
Wir halten die dritte Möglichkeit deshalb für unwahrscheinlich. Erwähnenswert ist sie trotzdem, weil sie zeigt, wie eng die öffentliche Debatte geführt wird. Zwei Lager streiten über den Zeitpunkt des Bodens, und keines fragt, ob wir überhaupt in der Phase sind, in der man nach einem Boden sucht.
Der Halving-Abstand als einziges belastbares Kriterium
Es gibt einen Filter, der weder zirkulär ist noch von der Kurstiefe abhängt: den Abstand zum Halving. Die drei Zwischenkorrekturen waren Schocks von aussen. Mt. Gox, die Corona-Panik, das chinesische Mining-Verbot. Die Zyklus-Hochs dagegen lagen im Halving-Rhythmus.
| Halving | Hoch | Abstand |
|---|---|---|
| November 2012 | November 2013 | 12 Monate |
| Juli 2016 | Dezember 2017 | 17 Monate |
| Mai 2020 | November 2021 | 18 Monate |
| April 2024 | Oktober 2025 | 17,5 Monate |
Das passt gut. Nach diesem Kriterium war das Oktober-Hoch ein echtes Zyklushoch, kein Zwischenhoch. Damit fällt auch die dritte Möglichkeit weitgehend weg.
Bleiben zwei Kriterien für das Muster und eines dagegen. Der Halving-Abstand passt. Die Zeitachse passt und würde den Boden zwischen Oktober und November verorten. Nur die Tiefe passt überhaupt nicht.
Mehr lässt sich ehrlicherweise nicht sagen.
Was das für Anleger bedeutet
Zwei Anmerkungen. River verkauft Bitcoin. Der Text ist sauber gearbeitet, aber „der Bärenmarkt ist vermutlich vorbei“ ist von einem Bitcoin-Broker keine überraschende Schlussfolgerung. Zu ihrer Ehrenrettung schreiben sie selbst, dass der Bärenmarkt auch weiterlaufen könnte.
Und: Alle diese Zyklen fanden vor der ETF-Zulassung im Januar 2024 statt. Der Käuferkreis ist heute ein anderer. Wir vergleichen die Gegenwart mit einer Vergangenheit, in der ein grosser Teil der heutigen Nachfrage nicht existierte.
Jetzt der Punkt, auf den es ankommt. River sagt, der Boden war im Juni. Galaxy sagt, er kommt im vierten Quartal. Zwischen diesen Positionen liegen fünf Monate.
Für jemanden, der Bitcoin über zehn Jahre hält, sind fünf Monate ein Rundungsfehler. Für jemanden, der auf den perfekten Einstieg wartet, sind sie eine Ewigkeit voller Fehlentscheidungen. Und dieser Wartende hat bei jedem bisherigen Zyklus zu spät gekauft, weil ein Boden immer erst im Rückspiegel sichtbar wird.
Der Unterschied zwischen diesen beiden Menschen ist nicht die Information. Sie lesen dieselben Zahlen. Der Unterschied ist der Zeithorizont.
River bringt es am Ende ihres Textes so auf den Punkt: Bitcoin läuft auf seiner eigenen Zeitrechnung. Es gibt keinen Grund zu hetzen, Gewinnen hinterherzurennen oder über kurzfristige Bewegungen zu spekulieren.
Dem haben wir nichts hinzuzufügen. Stack sats.
Häufige Fragen zum Bitcoin Bärenmarkt
Die drei bisherigen Zyklus-Bärenmärkte dauerten 410, 363 und 376 Tage, im Durchschnitt 382 Tage. Der aktuelle läuft seit dem 6. Oktober 2025 und hat rund 330 Tage erreicht.
Historisch zwischen 77 und 85 Prozent vom Allzeithoch. Der aktuelle Rückgang lag im Tief bei 54 Prozent und ist damit der mildeste bisher.
Ein wiederkehrendes Muster von rund drei Jahren Aufwärtsphase und rund einem Jahr Abwärtsphase. Es hängt am Halving, der Halbierung der neu ausgegebenen Bitcoin alle vier Jahre.
Die Prognosen gehen auseinander. River hält den Boden für erreicht, Galaxy Research erwartet ihn im vierten Quartal bei 40’000 bis 46’000 Dollar. Verlässlich vorhersagen lässt er sich nicht.
Teilweise. Zeitachse und Halving-Abstand entsprechen dem historischen Muster, die Rückgangstiefe deutlich nicht.
